Nicht immer ist es im Leben die Liebe auf den ersten Blick. Manchmal muss man den Dingen etwas Zeit geben, damit sie sich entfalten können. So ging es uns auch mit Bolivien…

Copacabana ist ein kleines, buntes Städtchen am Titicacasee. Es liegt direkt am größten See Südamerikas und am „höchstgelegenen, schiffbaren See der Welt“, wie sich der umständliche Weltrekord nennt. Die Meereshöhe beträgt 3.800 m. Die bunten Häuserfassaden kleben an zwei Hügeln, zwischendrin der mit Booten vollgestopfte Hafen. Wir gönnen uns ein Zimmer in einem der ausgefallensten Hostels der bisherigen Reise. Das Konzept: viele kleine Häuschen, in diversesten Formen gestaltet, stehen einzeln im steilen, grünen Garten – jedes für sich ist eine Suite.

Eines in Form eines Zeltes, das andere in Form eines Schneckenhauses, das nächste ist komplett rund usw.

Auch innen kreative, außergewöhnliche Lösungen: Blumen wachsen direkt in der großen Dusche, Hängematten innen wie außen, eine Art Stockbett als Leseecke, massive, schräge Holzstühle, eine runde Holzschüssel als Waschbecken und so weiter. Alles maßgeschneidert, nur Einzelstücke. Die Räume sehen wie aus einem Guss aus und sind kleine Kunstwerke – und dazu hat man noch den besten Blick aufs Wasser. Ein einmaliger Sonnenuntergang…

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Unsere neuen Freunde Ben und Raphaëlle sind zum Essen verabredet, wir spazieren in die Stadt und haben Lust auf Bier und Pizza, die wir in unserem kleinen Garten genießen wollen. Auf dem Weg in die Stadt sehen wir eine Frau, wie sie ihren Rock hebt und auf die Straße pinkelt. Aha, interessant. Verwirrt und amüsiert gehen wir weiter. Man sagte uns, Bolivien sei günstiger als Peru, aber ein Flasche Bier kostet gleich mal das doppelte – und Verhandeln lässt hier keiner mit sich (obwohl das bisher an allen Straßenständen üblich war und funktioniert hat). Wir werden bei unseren ersten Konversationen mit Einheimischen nicht einmal angeschaut, geschweige denn gegrüßt. Etwas irritiert ziehen wir weiter und machen die Erfahrung durch die Bank. Irgendwie fühlen wir uns nicht willkommen. Ein Stadtfest auf dem Hauptplatz sorgt eigentlich für gute Stimmung, Live-Musik und Lichtershow, alle scheinen fröhlich, sind betrunken oder tanzen einfach nur. Nur uns schenkt man kein Lächeln 🙂 Touristen halten das Örtchen am Leben, dürfen aber nicht auf die Liebe der Einheimischen hoffen.

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Beim Schlendern durch die Gassen erspähen wir endlich eine Pizzeria. Sie ist bis auf drei ältere Herrschaften komplett leer. Bei einer 14jährigen hinterm Tresen bestellen wir eine Margherita zum Mitnehmen. Kurz darauf fängt eine der beiden älteren Damen furchtbar an zu heulen und zu schimpfen, offenbar ist sie stark betrunken.

Der Mann versucht sie zu beruhigen und wird laut, wir erwarten schon eine schallende Ohrfeige als er sich erhebt, aber die bleibt zum Glück aus.

Die Weinende schmeißt ein Glas zu Boden, es zerbricht und sie heult noch lauter. Alle versuchen sie zu beruhigen und reden laut und gestenreich durcheinander, was alles nur noch schlimmer macht. Wir wissen nicht wohin wir blicken sollen und sind froh, nach quälend langer Wartezeit mit der Pizza im wahrsten Sinne des Wortes zu verduften.

Auf dem Rückweg erspähen wir weitere Frauen, die ihre weiten Röcke etwas anheben, sich bücken und einfach auf die Straße pinkeln. Wir trauen unseren Augen nicht und denken uns: was ist mit euch verkehrt!? Auch einige Jungs pinkeln einfach an den Straßenrand und weiter geht’s. Im Laufe der Reise werden wir lernen, dass das hier einfach dazu gehört. Wir sind angewidert, genießen aber im Sonnenuntergang dennoch unsere Pizza im mega coolen Hotel und stoßen mit kaltem Bier an.

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Der nächste Morgen startet hektisch: Tobias merkt, dass er seine (für die Reise extra neu gekaufte) Regenjacke in Puno, Peru, vergessen hat. Doch der Rezeptionist reagiert gelassen, er sieht kein großes Problem und will mithelfen, die Jacke per Bustransfer herkommen zu lassen. Einige Telefonate später scheint die Jacke unterwegs zu sein. In dem Moment wussten wir noch nicht, dass sich daraus eine langwierige Geschichte entwickeln sollte.

Zusammen mit Ben und Raphaëlle nehmen wir frühmorgens die Fähre auf die Isla del Sol.

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Im Hafen sind wir noch begeistert und wollen auf das Sonnendeck, um den besten Blick zu haben. Nach 30 Minuten bereuen wir es bitter: die Wolken verdecken die Sonne und es wird schweinekalt. Simone packt ihren Schlafsack aus, aber selbst der hilft wenig gegen den Fahrtwind und die Eiseskälte:

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An der Isla de la luna fährt das Schiff vorbei und wir legen schlussendlich im Norden der Insel in Challapampa an. Auch wenn sie Sonneninsel heißt, lässt sich diese leider gar nicht blicken. Die Häuser im Dorf sind einfach, aber erfüllen ihren Zweck. Die Leute haben eine sehr dunkle, ledrige Haut und schauen dadurch alle ziemlich alt aus. Das liegt wohl an der starken Sonne und vor allem an der Höhenluft.

Die Insel befindet sich auf unglaublichen 3.800 m Meereshöhe, da ist das Leben für die 800 Familien grundsätzlich etwas härter als anderswo.

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Nachdem wir uns ein paar Sandwiches und was zu trinken gekauft haben, wird uns das Museum gezeigt. Museum ist wahrscheinlich das falsche Wort, es ist ein 4 x 9 m großer Raum mit ein paar staubigen Glasvitrinen und schiefen Bildern an der Wand.

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Wir schauen es uns trotzdem an und machen uns dann auf den 10 km langen Weg über Stock und Stein. Wir kommen an großen Ruinen vorbei, an einem tempelartigen Tisch mit Stühlen rund herum („Inca Table“), es begegnen uns kleine Schafherden sowie zehn lustige Esel und deren Bauer.

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Wir sind erstaunt, wie müde wir durchs Wandern werden: obwohl es nur 10 km sind, brauchen wir sehr lange und kommen schnell außer Atem. Wir sind auf über 4.000 m Meereshöhe, der Wind pfeift, es ist sehr kalt und die Hoffnung auf ein warmes Hotelzimmer schwindet.

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Zufällig treffen wir auf zwei Backpacker aus der französischen Schweiz, die wir in Peru kennen gelernt haben. Wir schließen uns ihnen an und wandern alle gemeinsam nach Yumani in den Süden der Isla del Sol. Hier suchen wir uns das optisch schönste Hotel aus, das ein Doppelzimmer für unglaubliche 9 € pro Nacht anbietet. Doch bevor wir uns hinlegen (die Leute leben hier größtenteils mit dem Rhythmus der Sonne) gehen wir kurz vor Sonnenuntergang noch ins Restaurant. Als wir rein gehen wollen, kommt ein betrunkener Bolivianer aus dem Eingang, …

… holt sein bestes Stück raus und – guess what – pinkelt von der Treppe! 🙂

Wir trauen unseren Augen nicht und lachen uns tot. Das Wildpinkeln scheint hier definitiv normal zu sein! Wir drehen ab und gehen ins Restaurant nebenan… und frieren uns auch hier den Arsch ab! Später im Hotel ist an eine Dusche nicht zu denken und trotz aller Kleidung (samt Skiunterwäsche) ist die Kälte kaum auszuhalten. Nur dank einer Alpaka-Decke schlafen wir göttlich. Die Bolivianer wissen sehr gut, warum sie die Decken bereit stellen. Ohne all die Alpaka-Produkte wie Pullover, Schal, Mütze, Röcke, Decken und Co. würde in Bolivien so manch einer erfrieren.

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Am nächsten Morgen bringt uns ein waaaaahnsinnig langsames Boot zurück nach Copacabana. Aber der Weg ist schließlich das Ziel.

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Wir genießen die heiße Dusche im Hotel, planen ein wenig für die nächsten Tage und chillen bei einem fantastischen Brunch. Anschließend marschieren wir zum Hauptplatz, dort empfangen uns mal wieder 20 Straßenhunde auf einer Kreuzung. Sie bellen, spielen und besteigen sich gegenseitig, aber uns lassen sie dankenswerterweise in Ruhe. Sinnfrei pinkelnde Leute und unzählige Hunde: Bolivien macht es uns am Beginn nicht einfach.

Mit unseren australischen Freunden treten wir eine fünfstündige Busreise nach La Paz an. Diesmal ist der Bus sauber und schnell unterwegs. Je näher wir der heimlichen Hauptstadt Boliviens kommen (die offizielle ist Sucre, der Regierungssitz allerdings La Paz), desto schlechter werden teilweise die Straßen. Aber das liegt an der Renovierung des großen Highways, immer wieder müssen wir holprige, felsige Umfahrungen nehmen, der Bus wird durchgeschüttelt und wir fühlen uns wie im Schleudergang einer Waschmaschine. Die witzigste Anekdote der Busfahrt ist das Übersetzen an einem Fluss: wir Passagiere werden in zwei Nussschalen gesetzt, dessen Außenbordmotor mit dem Gewicht völlig überfordert ist und für die 200 m Strecke eine Ewigkeit braucht. Der Bus selbst wird auf einem Stahlbrett aka Schiff aufgeladen und taumelt fröhlich auf den Wellen Richtung Ufer.

Als wir glauben, angekommen zu sein, ist es nur der riesige Vorort El Alto. Was uns am sprichwörtlichen (Straßen-)Rande auffällt: alle Häuser bestehen hier nur aus roten Ziegeln. Keine Verputzung, keine Bemalung, kein richtiges Dach, nichts. Alle Häuser sehen somit gleich aus und unterscheiden sich nur durch Graffitis oder Schilder bzw. Leuchtreklame. Die Bauweise ist auch interessant: offensichtlich bauen die Leute hier erst mal ein Erdgeschoss und fangen aber das erste oder maximal zweite Stockwerk vorsorglich schon mal an. Falls wieder Geld da ist, wird weiter gebaut. Vielleicht sichert man sich dadurch einfach das Recht, höher bauen zu dürfen oder Steuern zu sparen, wir wissen es nicht genau. Je näher wir La Paz kommen, desto aufwendiger und moderner sind die Häuser konstruiert und sehen „normal“ aus. Den Anblick von La Paz im Sonnenuntergang werden wir nie vergessen: majestätisch und wahrlich über den Dingen stehend präsentiert sich die Millionenstadt.

Auch Nuestra Señora de La Paz genannt, Our lady of peace.

Hier wohnen 2,7 Mio. Menschen auf 3.200 bis 4.100 m Meereshöhe. Ringsherum mächtige, schneebedeckt Berge, ein einmaliges Bild! Es ist völlig verrückt, auf dieser Höhe, in diesem unwirtlichen Gebiet, eine derartig große Stadt aufzubauen. Aber die Leute sind fasziniert und La Paz hat auch für alle Bolivianer einen magischen Zauber.

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Wir kommen im Hotel an, in dem Ben und Tobias via booking.com jeweils ein Zimmer gebucht haben. Eine äußerst unfreundliche Rezeptionistin verrät uns, dass wir zu spät seien und das Zimmer nicht verfügbar wäre. Wie bitte, zu spät? Wir sind müde, wollen duschen und die Sonne ist bereits untergegangen. Wir wollen ein Bett, egal wo und wie. Da sie nicht bereit ist, einen Kompromiss einzugehen oder uns bei der Suche nach einem anderen Hotel zu helfen, beginnt ein Streit, der uns schlussendlich nicht weiter bringt. Einen schlechteren Service als hier haben wir noch nie erlebt – verwunderlich, wie das Hotel ein rating von über 9.0 bei booking.com zustande bringt. Verärgert, aber ohne unsere gute Laune und die Vorfreude auf die Stadt zu verlieren, gehen wir zu Fuß zum nächstbesten Hotel. Uns öffnet nach langem Klopfen eine sehr nette, aufgetakelte Dame.

Es stellt sich heraus, dass sie einem Theater-Ensemble angehört, das hier gerade eine Vorstellung hat.

Wir flüstern von nun an und fragen, ob wir ein Zimmer haben können. Die Besitzerin des Hotels sitzt allerdings im Publikum und wir wollen nicht stören. Um nicht vergeblich zu warten, ob wirklich ein Zimmer frei ist, nehmen wir ein Taxi zu einem Hostel. Nach dem dritten Anlauf haben wir endlich ein Bett, yeah! Zu diesem Anlass, passend zur Thematik, laden uns Ben und Raphaëlle in ihr Haus nach Melbourne ein. Wir freuen uns schon, sie in Australien zu besuchen und ein Wochenende gemeinsam mit ihnen zu verbringen! Australier sind so easy-going und nett, unglaublich offene und relaxte Menschen! Mit chinesischem Fastfood und einem Bier beenden wir diesen ereignisreichen Tag, wir sind hundemüde. Good night.

Am nächsten Morgen ziehen wir um ins Theater-Hotel und sind endlich wirklich in La Paz angekommen. Um einen Überblick zu bekommen, nehmen wir an einer Free Walking Tour teil (die sich bis dato in jeder Stadt als gut und interessant erweisen). Wir lernen, dass die Stadt im Prinzip ein einziger, riesiger Markt ist, angeboten wird praktisch alles. Auf jedem Bürgersteig gibt es kleine Ständchen, es gibt große Markthallen, mehrstöckige Gebäude mit 100en von Geschäften, in den Bergen zahlreiche, wirklich riesengroße Märkte und so weiter und so fort.

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Interessant ist, dass die Bewohner nicht im Supermarkt einkaufen (wir haben keinen einzigen gesehen, es gibt tatsächlich nur einige wenige) sondern jeder hat seine eigene „Cholita“. So werden die Damen mit dem kleinen, runden Hut genannt, die an Märkten von Obst über Gemüse bis zu allen anderen lebenswichtigen Dingen verkaufen. Treue ist das oberste Gebot der Cholitas: jeder Kunde hat immer zur selben zu gehen, ansonsten kriegt man Ärger von den rustikalen Damen.

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Touristen werden auch schon mal mit faulen Eiern oder vergammelten Pflaumen beworfen, wenn sie ungefragt Fotos machen bzw. nicht dafür bezahlen.

Fun-Fact am Rande: die Art, wie die Damen ihren Hut tragen, verrät ihren Beziehungsstatus: Single, verheiratet oder verwitwet. Ähnlich wie beim bayerischen Dirndl also. Wer sie anbaggern möchte, sollte sich bestens informieren, die Damen sind nicht zimperlich 🙂

Die Tour führt uns auch zum berühmten Witch-Market, dem Hexenmarkt. Hier kann man Staub kaufen, der einem Glück bringt, Staub, der einem einen Lebenspartner verschafft, Staub, der Geld mit nach Hause bringt und vieles andere mehr. Überall hängen, Achtung, Föten von Lamas und sonstige ausgestopfte Kreaturen. Nichts für Weicheier. Kaufen tun wir zwar nichts, aber die Geschichten dazu faszinieren uns alle.

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Ben und Raphaelle verabschieden sich plötzlich sehr schnell, sie haben komische Bauchschmerzen. Nachher erzählen sie uns, dass sie sich nur Minuten nach der Verabschiedung auf der Straße übergeben mussten und den ganzen Tag im Bett verbringen. Wir alle hatten in den letzten Tagen dasselbe gegessen, aber uns erwischt es glücklicherweise nicht. La Paz ist verwinkelt, laut, voller hektischer Leute, bietet sehr unterschiedliche Stadtviertel, ist steil, bergig und definitiv einzigartig. Die Leute sind nach wie vor tendenziell unfreundlich, aber wir lernen auch wirklich sehr nette Menschen kennen, man darf natürlich nie alle über einen Kamm scheren.

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Nachdem wir zahllose, völlig verrückte Stories aus der bolivianischen Geschichte erfahren, überlegen wir uns, dass auch die Landesgeschichte einer der Gründe für die schlechte Laune in Bolivien sein muss. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas.

Zum Beispiel hat das Land mehr Revolutionen gehabt, als es Jahre alt ist…

…und die Liste der Präsidenten ist für die kurze Zeit bedenklich lang – manche waren gar nur Stunden oder Tage im Amt. Das zeugt nicht gerade von konstanter Regierungsarbeit. Eine sehr hohe Steuer auf Kondome, weil sich der damalige Präsident mehr Kinder wünschte, hat keine Begeisterungsstürme bei der Bevölkerung ausgelöst. Und nur vor 10 Jahren gab es einen zweitägigen Bürgerkrieg, bei dem sich das Militär mit der Regierung und die Polizei mit dem Volk solidarisiert haben. Das sind nur wenige Beispiele von sehr vielen Fehlentscheidungen, die sich die Regierungen über die Jahre hinweg geleistet haben.

Am nächsten Tag treffen wir freudigerweise Abir wieder! Wir haben ihn zusammen mit Bobby in Peru kennen gelernt und uns mit ihm auf ein Wiedersehen in La Paz verabredet. Wir erzählen uns alle Reisegeschichten und freuen uns, wieder ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Er ist einfach immer gut gelaunt und…

wenn er etwas sehr lustig findet, sagt er „that’s very funny“, lacht dabei aber nicht die Bohne 🙂

Zusammen mit ihm nehmen wir die teleférico, eine sehr moderne Seilbahn, die vom Zentrum der Stadt auf einen umliegenden Berg führt. Von dort hat man einen traumhaften Ausblick auf La Paz und all die monströsen Berge rundherum. Kaum ausgestiegen hat man direkten Zugang zu einem riesigen, na was wohl, Markt. Wir schlendern herum, staunen über all das denkbare und undenkbare Angebot, das man vorfindet. Hier bekommt man wirklich alles, und sei es noch so ausgefallen.

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Am Abend besuchen wir eine sehr unterhaltsame Trash-Veranstaltung: einen sogenannten „Cholita-Fight“. Richtig, die landbekannten Marktfrauen verprügeln sich auch gerne gegenseitig. Wir hören davon und müssen das unbedingt sehen. Ein Bus bringt uns etwas außerhalb in eine kalte, windige Halle, in der ein Box-Ring aufgebaut ist. Nach und nach wird uns klar, dass es sich hierbei um eine Veranstaltung für Touristen handelt, aber uns ist es egal, denn schon nach den ersten Opening-Kämpfen mit bunten Wrestling-Kostümen kommen wir aus dem Lachen und Anfeuern nicht mehr raus.

Die Menge grölt ob der witzigen Kostüme und der semi-professionellen Performance.

Wrestling-Jungs jeden Alters verprügeln sich gegenseitig oder werden von rivalisierenden Cholitas zwischendurch auch noch verdroschen. Die Damen sehen so aus, wie die Damen am Markt: sie tragen schöne Schuhe, weite, bunte Röcke (teilweise bis zu 10 übereinander!), eine Bluse und Strickjacke, lange, am Ende zusammen geknöpfte Zöpfe und einen Hut. Letzterer sowie der Schmuck wird vor dem Fight abgelegt. Es geht ordentlich zur Sache und wir machen am Ende noch ein paar Fotos mit den Kämpferinnen. Lange nicht mehr so viel und so ausdauernd gelacht, wie bei diesen komischen „Kämpfen“! 🙂

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Der spaßige Abend mit dem lustigen Abir geht zu Ende – aber am nächsten Tag geht es gleich weiter: wir drei verabreden uns für den Camino de la muerte, die gefährlichste Straße der Welt. International auch als „deathroad“ bekannt, wollen wir uns mit dem Mountainbike die 70 km lange Strecke runter stürzen. Wir bekommen, ähnlich wie in Peru, Protektoren, Hosen, Shirts und Motocross-Helme gestellt. Diesmal weigert sich auch Tobias nicht, sie anzuziehen… unser Guide von der Firma RideOn ist sehr kompetent, erfahren und hat vor allem einen ausgezeichneten Humor. Er nimmt uns oft auf den Arm und findet die perfekte Balance zwischen geschichtlichen Informationen, Sicherheits-Briefing und seinen Witzen. Zum Frühstück bekommen wir sogar selbst gemachten Kuchen von der Firmenbesitzerin. Ein großartiger, sportlicher Tag mit einer unvergesslichen Bergkulisse beginnt.

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Wir rasen fast zwei Stunden eine Asphaltstraße runter, was bereits sehr viel Spaß macht. Vor allem, weil die aus sieben Leuten bestehende Gruppe gerne und schnell Mountainbike fährt.

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An der Kreuzung angekommen, wo die wirkliche „deathroad“ beginnt, kriegen wir noch einmal ein dezidiertes Briefing, wann wir links, wann wir rechts zu fahren haben, wann wir stoppen sollen etc.

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Die Straße kann man sich wie eine unpräparierte, steinige Forststraße vorstellen. Zu 90% ohne Leitplanken oder sonstigen Sicherheitsmaßnahmen.

Seitlich geht es teilweise kerzengerade, hunderte Meter weit runter. Alles verdeckt von Pflanzen und Bäumen, was es harmloser aussehen lässt, als es wirklich ist. Simone ist die schnellste Frau und rast furchtlos die Straße runter.

Immer wieder halten wir an, der Guide macht Fotos von uns und dem weiten Panorama, oder erzählt uns Todes-Stories: fast jedes Jahr gibt es krasse Unfälle oder gar Tote. Die Straße hat den Namen also wirklich verdient.

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Beispiele? Ein Italiener wollte einen Speed-Rekord aufstellen, eine Chilenen fuhr so langsam und ängstlich, dass sie, als ein Lkw entgegen kam, einen Abgrund runterstürzte und ein Motorradfahrer stürzte gar rückwärts in den Tod. Eine Kurve des Camino de la muerte ist legendär in Bolivien, leider aus einem makabren Grund: eine Truppe von fünf Männern, die gegen die Regierung für mehr Demokratie gekämpft haben, wurde vom damaligen Präsidenten in die besagte Kurve gebracht und vor eine aussichtslose Wahl gestellt: entweder sie jagen sich selbst eine Kugel in den Kopf oder sie springen in den Abgrund. Im Sinne der Aufmerksamkeit haben sich die Männer dazu entschieden, …

…sich an den Händen zu halten und für die Demokratie gemeinsam in den Tod zu springen.

So entstehen Helden! Harter Tobak…

Nach 6-7 Stunden auf dem Mountainbike kommen wir unten an, die Handgelenke zittern und schmerzen vom bremsen und abfedern, aber wir sind glücklich.

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Wir kriegen ein gutes Mittagessen und kühlen uns im Pool ab, bevor es im Bus zurück nach La Paz geht. Auf dem Gipfel, wo wir gestartet sind, liegt mittlerweile Schnee und die Sonne geht unter. Traumhafte Naturschauspiele im Herzen von Bolivien!

Den Tag lassen wir im Hostel ausklingen und wir geraten in eine der Hostelparties an der hauseigenen Bar. Gute Musik, nette Leute und Simone erwirkt sogar eine verlängerte happy hour – allerdings nur für Österreicherinnen 😉

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Natürlich gibt sie auch Tobias ein paar Drinks ab und deshalb schlafen wir am nächsten Tag etwas länger… und genießen vom sechsten Stockwerk aus den Ausblick auf La Paz. Es könnte schlimmer sein!

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Später am Abend nehmen wir einen Nachtbus Richtung Uyuni, wir wollen uns die riesige Salzwüste und die umliegende, einzigartige Landschaft Boliviens nicht entgehen lassen. Davon erzählen wir aber im nächsten Artikel!

p.s. Die Regenjacke hat Tobias übrigens nach x Telefonaten nicht wieder bekommen. Sie wurde über Umwege angeblich von einem französischen Touristen nach La Paz gebracht, er sollte sie im Büro der Busgesellschaft abgeben. Das ist nicht passiert und einen Kontakt zum ominösen Franzosen gibt es natürlich nicht… wem man nun glauben darf oder wer von all den Beteiligten lügt, sei dahin gestellt. Der Franzose würde sagen: c’est la vie! 🙂