Wir verlassen Panama City um in Portobelo auf unseren Kapitän für den fünftägigen Segeltörn zu treffen. Schon bei der Anfahrt fragen wir uns, wie dieser wohl drauf sein wird und mit welchen Passagieren wir es sonst noch zu tun haben werden. Von den 19-jährigen Party-Backpackern bis zu besonders spießig und langweiligen Reisenden ist alles drin. Wir sitzen schließlich in einem ausrangierten American School Bus, auf bunt getrimmt, und es läuft laute Reggae Musik – ein Passagier ganz hinten fährt wohl öfter die Strecke und kennt das Album besonders gut, da er lauthals und richtig gut mitgrölt. Außer Simone (Tobias geht mittlerweile aufgrund seines Teints als Einheimischer durch) erkennen wir noch einen weiteren Weißen. Und wie es der Zufall so will, entpuppt er sich als einer der Mitreisenden auf unserem Boot und hat ähnliche Gedanken: was für Leute fahren da noch mit…? Dale sein Name, er ist aus Melbourne (was man erst nach mehrmaligen Nachfragen versteht, da sein Akzent wirklich phänomenal Australisch ist), Zimmermann von Beruf und in unserem Alter.

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Portobelo ist an Sehenswürdigkeiten wirklich sehr überschaubar und innerhalb von 15 Minuten haben wir beide ausgiebig begutachtet. Schon vom Bus aus sehen wir die erste. Eine Ruine.

Die zweite Sehenswürdigkeit ist ein dunkelhäutiger Jesus in einer Kirche.

Wir müssen uns die Zeit also anders vertreiben. „Captain Jack“ heißt unser Hostel für die Nacht, die im Preis für den Segeltörn inbegriffen ist und sowieso das einzige Hostel in dem Ort zu sein scheint. Das Hostel ist eine Baustelle, da low season ist und gerade renoviert wird (was bitter nötig ist). Der selbsternannte Captain ist mehr als genervt und unser Dorm das schlimmste, das wir bis dahin haben. Aber wir erinnern uns, es ist nur für eine Nacht. Um 12 Uhr soll unser Captain aufschlagen, der Eigner seines Segelbootes „Micamale“ ist. Der Name bedeutet so viel wie nicht schlecht, not bad! Klingt vielversprechend 🙂

Im Hostel vermuten wir inzwischen hinter jedem Neuankömmling einen Mitreisenden. Katie aus Neuseeland und Thady aus England sind es dann schließlich, sowie Jim aus Texas und Jamie und Jenny aus Kanada. Damit ist die Truppe komplett. Und wenig später hat auch Captain Andrea persönlich seinen Auftritt – aus bella Italia. Im Schlepptau seine gute Fee, Mirjam aus Deutschland. Er schätzt ihre deutsche Arbeitswut und Effizienz – sie kocht, putzt und liest dem Captain jeden Wunsch von den Lippen ab. Seine absoluten zwei Lieblingswörter in diesen Tagen: „Fantastico“ und „Mirjam“. Andrea kann, wie es sich für einen typischen Italiener gehört, nur Italienisch und mittlerweile auch recht gut Spanisch. Aber English? Not so good 🙂 Er freut sich natürlich dementsprechend in Tobias einen Übersetzer für die nächsten Tage gefunden zu haben und vor allem über einen Gesprächspartner. Der Rest der Truppe kann dann immer nur mutmaßen, um was es bei einem Gespräch zwischen den beiden geht, wenn Andrea wieder mal in einen Redefluss gerät.

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Sein bisheriges Leben hat Andrea der Kunst gewidmet: seine Zeichnungen waren in diversen Ausstellungen zu bewundern. Aber Andrea ist nicht nur einfach Künstler, er ist ein Lebenskünstler: Er liebt die Frauen, Pasta und guten Wein. Wasser? Nicht so sehr. Als sich Simone erdreistet ihm ein Glas Wasser anzubieten antwortet er mit einem Funken echter Erbostheit: „Was soll ich mit Wasser? Habe ich dir was getan, meine Liebe? Sehe ich so aus, als würde ich Wasser trinken? Nenn` mir einen guten Grund, warum ich Wasser trinken soll!“ Cazzo, dann halt nicht.

Wie kommt ein italienischer Maler dazu, plötzlich unter panamaischer Flagge zu segeln? Er hat seine sieben Sachen verkauft (unter anderem weil er die Schnauze voll hat vom italienischen Staat) und die „Micamale“ gekauft. Damit ist er nach Griechenland gesegelt, hat sich dort neue Segel aufspannen lassen, mit frischer Power überquerte er den Atlantik und segelt seitdem zwischen Panama und Kolumbien hin und her.

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Andrea hat also viel zu erzählen und so starten wir in einen unvergesslichen Trip… Simone ist zu Beginn etwas nervös, was die Seekrankheit anbelangt. Ihr erstes Mal auf einem Segelboot und jeder hat eine Geschichte auf Lager von jemanden, der jemanden kennt, der schon mal seekrank wurde und sich 5 Tage am Stück übergeben musste. Vorsichtshalber wirft Simone also zwei Tabletten ein und staubt außerdem ein Pflaster von Jim dem Texaner ab. Dieses klebt von nun an hinter ihrem Ohr und soll seine Wirkstoffe über die Haut abgeben. Wenn sich Simone einen Löffel Feenstaub über den Kopf streuen müsste weil es hilft, sie würde es tun. Die erste Nacht segeln wir, pardon fahren, der Wind ist nicht so stark, durch. Es mag Einbildung sein, aber eine Stunde später ist Simone ein bisschen flau im Magen. Sich hinlegen soll helfen. Kurze Zeit später ist sie auch schon eingeschlafen. Notiz am Rande: auf dem Rücken liegen geht wunderbar, seitlich zu liegen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einem sofort übel. Aber auch das ist natürlich individuell.

Am nächsten Morgen gehen wir an Deck und sehen sie bereits: die ersten, atemberaubenden Inseln von San Blas! Türkises Wasser, Palmen, Sonne – schöner als jede Postkarte und einfach nur kitschig.

Die nächsten Tage verbringen wir mit baden, schnorcheln, Kajak fahren, essen, sonnen, baden, schnorcheln, Kajak fahren, …

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Apropos Schnorcheln: wer unseren letzten Eintrag von Panama gelesen hat weiß, dass Simone eine kleine Unterwasserschwäche hat, aber dem Schnorcheln dennoch eine Chance gibt. Während Tobias schon wieder meilenweit voraus ist, kämpft Simone, sagen wir mal – um es nicht zu drastisch auszudrücken – ums Überleben. Alles beginnt mit etwas Wasser im Schnorchel. Simone schluckt Wasser, kriegt Panik, stößt sich mehrmals ihr Knie an einer Koralle, ihr Knie fängt an zu bluten. Blut = Hai = Futter = tot. Simone hört noch Andreas Worte, der in einem Mix aus allen Sprachen sagt: „Sí, hier gibt es Haie.“ Den zweiten Satz ignoriert sie: „Aber die tun nichts.“ Zurück zur Panikattacke: während Simone um ihr Überleben strampelt und Tobias einige Meter weiter seelenruhig die Korallen, bunte Fischchen und anderes Getier beobachtet, kommt aus dem Nichts der Retter in Not: ein Mexikaner von der Yacht nebenan mit einer motorisierten Baywatch-Boje. Es klingt vielleicht eigenartig, aber so war es wirklich. Erleichtert klammert sie sich daran fest und er bringt sie heldenhaft zum Segelboot zurück. Tobias? Wer ist Tobias? 🙂

Während Simone sich schön langsam wieder einkriegt und sie Andrea versucht zu erklären, warum sie das Thema Schnorcheln nun ad acta legen wird, sichtet Tobias tatsächlich einen Hai.

In einigen Metern Entfernung schwimmt ein 1,5 m langer Riffhai elegant an ihm vorbei…

Am nächsten Tag machen wir Bekanntschaft mit den Einheimischen der Inseln: den Kunas. Sie sind eine ethnische Minderheit mit Autonomiestatus und leben mehrheitlich auf den ca. 370 Inseln, welche sich vor der Atlantikküste in Panama verteilen. Der Volksmund sagt: eine Insel für jeden Tag im Jahr. Wir sehen und besuchen eine Insel mit einer Siedlung von ca. 400 Leuten, aber auch eine, auf der nur eine einzige Familie zu wohnen scheint. Die Kunas sind körperlich sehr klein und haben große Augen – das fällt uns zumindest auf. Sie produzieren sehr schöne Armbänder, Tücher und andere bunte Dinge, die sich wunderbar an Touristen verkaufen lassen. Auch wir schlagen zu und erwerben für 5$ zwei Armbänder von einer äußerst freundlichen Familie. Die Tochter lacht die ganze Zeit und ist aufgeregt, als wir sie mit dem Kajak besuchen, beim Fotomachen schaut sie allerdings sehr skeptisch aus der Wäsche 🙂

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Außerdem lernen wir einen der vielen Kings of the Kunas kennen. Es ist wohl nicht immer so klar, wer im Moment der aktuelle, allein herrschende King ist. Julio und seine Frau leben alleine auf einer der Inseln und gewähren uns an einem Abend einen Platz für unser Lagerfeuer bei ihnen vor der Haustür. Sie kriegen ein bisschen Geld und etwas zu essen, dafür dürfen wir ihr Holz und ihren Platz benutzen. Es ist ein wirklich einmaliges Erlebnis – und da sich Dale, der Australier, als wahrer Pyromane entpuppt, haben wir auch das größte Lagerfeuer, das die Kunas je gesehen haben.

Die musikalische Untermalung kommt von Allrounder Andrea und seiner Gitarre, er hat alle Rockhits der 70er auf Lager und natürlich die italienischen Klassiker.

Ein wenig später, es ist mittlerweile stockdunkel geworden, kommen plötzlich zwei Männer zielgerichtet auf Julios Haus zu. Der scheint aber zu schlafen, es ist schon weit nach 3 Uhr. Andrea erklärt uns, dass Julio als King nicht nur die Inseln beherrscht, sondern auch die erste Anlaufstelle ist, wenn es um Drogen geht.

Und gerade unter den Schiffsleuten in San Blas ist der Kokainkonsum sehr verbreitet.

Andrea ist da eine Ausnahme und trennt sich konsequent von seinen Angestellten, wenn er Drogenmissbrauch ahnt. Er weiß mittlerweile, dass er sich auf diese Leute auf Dauer nicht verlassen kann. Umso mehr schwärmt er von der fleißigen Mirjam, die auch schon die meisten Handgriffe des Segelhandwerks beherrscht.

Einige der Inseln, auch wenn sie unbewohnt sind, haben ein Beachvolleyballnetz installiert. Was uns natürlich dazu einlädt, öfter mal zu spielen. Am Strand, direkt am Wasser, zeichnen wir auch mal Fußballlinien in den Sand und zocken so drei Partien: vier gegen vier, mit der einen oder anderen Taucheinlage direkt ins Seitenaus, ins Wasser. Da man glaubt, dass Simone auf dem Spielfeld sonst zu nichts zu gebrauchen ist, wird sie in das Tor gestellt.

Wir wissen bis heute nicht warum, aber sie entpuppt sich als der weibliche Manuel Neuer und hält fast jeden Ball!

Nachts liegen wir auf dem Boot und bestaunen den atemberaubenden Sternenhimmel oder gehen noch einmal ne Runde schwimmen und amüsieren uns über den neongrünen Plankton, der uns umgibt. Wir lesen, relaxen, essen vorzügliche Pasta von Andrea, trinken Bier und lassen es uns einfach gut gehen. Dieser Segelboot Trip wird zu unserem absoluten Highlight auf der bisherigen Reise.

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Nach 5 Tagen ist es dann leider schon vorbei, wir sind im Hafen von Cartagena eingelaufen. Mit Blick auf das Lichtermeer der Stadt verbringen wir unsere letzte Nacht auf dem Boot…

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