Die Zugfahrt von Vancouver nach Seattle ist schon fast kitschig und romantisch: mit dem Amtrack fahren wir von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof. Auf der Fahrt gleitet man an der Küste entlang, sieht den Ozean, viele winkende Menschen stehen am Strand und die Sonne geht goldrot im Meer unter.

Getrübt wird die Szenerie nur von schwer bewaffneten US-Grenzkontrolleuren, die durch den Zug rasen und die Einreise-Dokumente einsammeln. Da man die Ländergrenze zwischen Kanada und Amerika passiert, wird vorher das Gepäck gescannt und überhaupt gleicht der Check-In für diese Zugfahrt einer Flugreise.

In Seattle kommen wir spätabends an und entscheiden uns für den schnellsten, aber auch kostspieligsten Weg in unsere airbnb-Unterkunft: ein Taxi. Ein freundlicher Schwarzer spricht uns an, ist gut gelaunt und fährt uns in seinem kurzärmeligen Jackett gezielt durch die Nacht – er fährt sehr schnell und telefoniert in einer Sprache, die wir nicht im Ansatz verstehen. Er kennt die Adresse nicht genau, hat kein Navi – oder will es nicht benutzen – und lässt sich deshalb von Jemandem recht aufwendig via Telefon durch die Stadt lotsen. Etwas skeptisch kommen wir am Ende doch zum vorhergesagten Preis an.

Die Vorfreude auf ein gemütliches Bett währt nur kurz, denn die Wohnung ist ein Desaster: viel zu viele und teilweise komische Leute hausen in einem messi-artigen Zustand und wir beschließen nach wenigen Sekunden, dass wir hier sicherlich nicht übernachten wollen. Das war er also, der erste Reinfall bei airbnb, nach vielen Jahren an guten Erfahrungen. Wir lassen uns die Laune aber nicht verderben! Der Gastgeber ist äußerst verständnisvoll und fährt uns sogar mitten in der Nacht 35 min lang zu unserem spontan gebuchten Hotel. Allerdings hat sein Auto ein technisches Problem und ist vollgemüllt wie seine Wohnung. Da es sich um ein Cabrio handelt, ist es arschkalt und der Gastgeber fährt mit einem Affenzahn auf dem kurvigen freeway – wir sind dennoch froh, dass er uns fährt und noch froher, dass wir überlebt haben 🙂 Kleiner Gag am Rande zum Hotelzimmer: der Handwerker, der die einzige Lampe an der Decke installiert hat, verdient sich einen Humor-Orden:

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An unserem einzigen Tag in Seattle (knapp 700.000 Einwohner) scheint die Sonne und wir freuen uns auf die Stadt! Für einen groben Überblick lohnt sich das Sky View Observatory in Downtown viel mehr als die berühmte Space Needle. Der Aussichtspunkt ist drei Mal so hoch und angeblich der höchste der gesamten amerikanischen Westküste.

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Was haben Bill Gates, Starbucks und Jimmy Hendrix gemeinsam?

Richtig: Sie alle kommen aus Seattle! Wir erfahren, dass die Stadt weitere berühmte Söhne hervorgebracht hat: neben Bill Gates und  Jimmy Hendrix auch den großen Bruce Lee zum Beispiel. Dass diese Kultur auch von den Menschen gelebt wird, merken wir erst im Laufe des Tages: ein Schwarzer mit offenem Hemd, cooler Pose und ergrauter Hendrix-Mähne strahlt die Coolness seines Vorbildes aus und läuft gut gelaunt durch die Straßen. In einem Park hüpft ein sportbegeisterter Jungspund viele Male von einem Stuhl in die Luft, um einen Bruce Lee-Move nachzumachen – natürlich für das perfekte Urlaubsfoto! Und Bill Gates wohnt angeblich in einem riesigen Haus in Bellevue, auf der anderen Seite des Lake Washington, wie wir vom Taxifahrer erfahren haben.

In Seattle haben aber nicht nur die drei Jungs ihre ersten Schritte gemacht, sondern hier wurde auch große amerikanische Wirtschafts-Geschichte geschrieben. Weltkonzerne wie Amazon (1994 gegründet), Microsoft (1975), Boeing (1916), Expedia (1996) oder eben Starbucks (1971) wurden hier an der Nordwest-Küste Amerikas gegründet. Big business!

Im Turm des Sky View Observatory befindet sich übrigens der angeblich höchstgelegene Starbucks der Welt.

Kari und Dianne aus Kanada haben uns folgende interessante Anekdote erzählt: die erste Starbucks-Filiale hat billige Kaffee-Bohnen überröstet, weil kein Geld für qualitativ hochwertige Bohnen zur Verfügung stand. Durch das Überrösten wollte man ein besseres Kaffee-Aroma erzeugen. Nachdem die ersten Ersparnisse angehäuft wurden, stellte man beim Bohnen-Einkauf auf Qualitätsware um, was überraschenderweise einen Kundenaufstand verursachte. Die Kunden wollten den „alten“ Geschmack wieder haben. Starbucks wechselte zurück auf die überröstetet Billigbohne– und der Rest ist eine weltweite Erfolgsgeschichte mit über 21.000 Filialen weltweit! Wir wollen uns nach dieser Story den Ursprung des Kaffeehauses ansehen (wir sind übrigens keine Starbuck-Fans, das sei an der Stelle erwähnt!) und spazieren zur ersten Filiale überhaupt. Diese schmückt noch das alte Logo, das wohl aufgrund der Internationalisierung weiterentwickelt und entschärft wurde (kein Busen mehr und so …).

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Die Filiale liegt direkt neben dem legendären Pike Place Market, den wir sowieso besuchen. Dort kriegt man vom billigen Souvenir über hochwertige Handwerkskunst bis zum fangfrischen Qualitätsfisch alles, was das Herz begehrt. Am Beginn des Marktes gibt es einen Fischstand, bei dem kiloweiße Eis hin- und hergeschaufelt wird, um riesige Fische frisch zu halten. Die Jungs machen eine gut besuchte Show, indem sie immer wieder durch die Gegend brüllen, wenn sie Trinkgeld bekommen oder Fische gekonnt durch die Luft werfen. Bei den Kindern ist der Trick mit dem „lebendigen“ Fisch sehr beliebt. Ein Rochen ist an einem nicht sichtbaren Seil befestigt und wird so hinter der Theke ab und an bewegt, wenn sich jemand seinem geöffneten Maul nähert. Generell herrscht am Pike Place Market großer Trubel und viele Künstler (oder jene, die es werden wollen) nutzen die Gunst der Stunde, um zwischen all den Besuchern zu singen, zu musizieren oder sonstige Kunststücke aufzuführen. Ein besonders origineller Kauz lehnt lässig an einer Laterne, macht den vorüber spazierenden Mädels großzügige Komplimente zu ihrem Hintern und hält dabei sorglos ein Schild in die Luft mit der Aufschrift: „Ass watching is a sport!“. Okee, jeder soll das machen, was er kann!

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Wir spazieren durch den Markt, probieren hier und da Delikatessen und lassen uns von einer Aufschrift mit dem angeblich „world famous meatloaf sandwich“ anziehen, das in der über 100 Jahre alten „Three Girls Bakery“ serviert wird. Unserer Meinung nach ist es aber nichts Besonders und gehört schon gar nicht auf eine Liste, die sich „top ten must eat before you die“ schimpft. Die junge, stark geschminkte Transe (eine der „three girls“ hinterm Tresen) in Highheels, Netzstrumpfhose und grünem, kurzen Putzkittel war aber amüsant und deshalb war der Besuch dennoch witzig.

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An der Waterfront entlang blicken wir auf den Pazifik und gelangen Richtung Norden irgendwann zum Sculpture Park, wo wir entspannen und von einem äußerst netten Food-Truck-Mitarbeiter ein „fried bread“ geschenkt bekommen, weil wir es noch nie zuvor gegessen haben. Es schmeckt gut – kostenlos noch besser – und wir unterhalten uns mit ihm über Gott und die Welt. Später am Abend lesen wir in einer Tageszeitung, dass sich ein Food Truck in Seattle finanziell kaum lohnt, weil die Ausgaben einfach zu hoch sind. In diesem Artikel gibt es mehr Infos dazu.

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Im Viertel Pioneer Square trinken wir ein Bier und beobachten die Leute auf der 1th Avenue. In dieser Straße stoßen wir zufälligerweise auf auffallend viele deutsche Bar- oder Kneipennamen. Hier haben sich wohl einige deutsche Einwanderer niedergelassen und Gastronomien mit deutschem Konzept erföffnet.

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Generell fällt uns im Laufe des Tages auf, dass es ziemlich viele Obdachlose
bzw. Drogenabhängige auf den Straßen von Seattle gibt.

Simone notiert außerdem die bösen Jungs mit bunten Tüchern als Erkennungszeichen, die zur kriminellen und höchst gewaltbereiten Organisation der Mara Salvatrucha gehören. Hier erfahrt ihr viele interessante Informationen darüber!

Nach einem Tag ist unser Seattle-Abenteuer zu Ende. Für einen groben Überblick hat es gereicht, aber die Stadt hat mit Sicherheit noch einige versteckte Perlen zu bieten.

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Am nächsten Tag holen wir unser zweites Auto für unseren Nordamerika-Roadtrip ab und Tobi lässt es sich nicht nehmen, für geschmeidige 70$ (statt 130$) ein Upgrade zu buchen, das sich im Yellow Stone Nationalpark noch als nützlich erweisen sollte: wir ergattern einen Jeep Grand Cherokee, eben ein „american car“, das nach unserem Ford Fiesta in Kanada ein wirkliches „upgrade“ in Sachen Fahrspaß- und komfort bedeutet 🙂

Beim nächsten Mal erzählen wir dir von Bisons, Geysieren und unserer kältesten Nacht in einer Holzhütte!